Anja Kellner ist eine vielseitige Künstlerin, deren interaktive Installationen, kinetische Arbeiten und Medienkunst gesellschaftspolitische Themen wie Nachhaltigkeit, Geschlechtergerechtigkeit und die Auswirkungen der digitalen Revolution auf den Alltag reflektieren. Der Arbeitenzyklus „Deja-Vú Tabula Rasa“ verdeutlicht ihre Fähigkeit, künstlerische Visionen mit technologischen und sozialen Innovationen zu verbinden. In Installationen wie „Auge um Auge“ oder „Forced Swing“ erzählt sie mit Klängen von Erinnerungsfragmenten und Resonanzkatastropen. Bei der Entwicklung der „LiSe – dem Lichtsensor“, der Blinden neue Barrierefreiheiten erschließt, stellt sie ihr kreatives, technisches Können unter Beweis. Mit künstlerischer Sensibilität greift sie umweltpolitische Themen bei der Konstruktion alternativer „dye-sensitized solar cells“ auf. Ihre künstlerische Forschungsarbeit fließt in Projekte, wie „Power Plant“, einemultimediale Installation, bei der über mikrobielle Brennstoffzellen CO2 negative Energie erzeugt. Das Perpetuum Mobile stellt als positive, utopische Erzählung dar zur Bewältigung der Klimakrise. Ihre Erfahrungen fließen in eine Gastdozentur im Wintersemester 2024/25 zu den Themen „Internet of Things“ und „Klangwelten“ an der Kunsthochschule Kassel. Ebenso hat die langjährige Tätigkeit in der Hakon Hennig, Elektronikentwickler und Künstler mit einem Hintergrund in Elektrotechnik und Fotografie ergänzt diese Perspektive durch seine technische Expertise. Seine Mitwirkung an Tarek Atouis Projekt „Metastable Circuit 1“ (documenta 13) sowie bei Kunstinstallationen wie „Gespräch unter vier Augen“, „Erraquisition“ oder „ComfortClock“ zeigt seine Fähigkeit, technische Systeme in künstlerische Kontexte zu integrieren. Transparenz und die Offenlegung technischer Bauteile und Schaltungstechnik prägen sein künstlerisches Arbeiten. Mit der Entwicklung einer Vakuumkammer für Elektronenbeugung und der Konzeption einer innovativen Schaltung für sein Polarskop stellt Hakon sein tiefgründiges und umfassendes Verständnis für komplexe Systeme eindrücklich unter Beweis. Diese Komplexität wird in den kinetischen Arbeiten ästhetisch greifbar.
Magnetic Light Score Ausgangspunkt des Projekts ist die Untersuchung analoger Videotechnologien als klangliche und bildgebende Instrumente. Im Zentrum steht ein Videorekorder, der nicht ausschließlich als Speichermedium verstanden wird, sondern als elektro-mechanischer Resonanzkörper. Seine Schaltungen, Magnetköpfe und Signalpfade bilden ein System, in dem Bild, Licht und Klang kontinuierlich ineinandergreifen. Eine Live-Kamera erzeugt ein permanentes Videosignal, das unmittelbar durch den Videorekorder geleitet und auf einem Röhrenmonitor ausgegeben wird. Parallel dazu werden Lichtimpulse des Bildsignals in akustische Ereignisse übersetzt. Helligkeitsverläufe, Kontraste und zeitliche Veränderungen werden zu Frequenzen, Impulsen und kontinuierlichen Klangstrukturen transformiert. Das audiovisuelle System entwickelt sich dadurch zu einer geschlossenen Feedback-Architektur, in der sich Bildproduktion und Klangproduktion gegenseitig beeinflussen. Das Projekt versteht Übersetzung nicht als verlustfreie Übertragung von Information, sondern als materiellen Prozess. Jeder Übergang zwischen Licht, elektrischem Signal, Magnetisierung und Schall verändert die Eigenschaften des Ausgangsmaterials. Die Apparatur produziert keine Repräsentation, sondern eine Folge physischer Transformationen, deren ästhetische Qualität unmittelbar aus den Eigenheiten der verwendeten Technologien entsteht. Das Licht hört zu wenn der Videorekorder zum Instrument wird. Kein Archiv, sondern ein atmender Resonanzkörper. Eine Kamera blickt in den Raum und schreibt die Gegenwart in magnetische Spuren. So entsteht eine Partitur. Das Licht komponiert sich selbst. Am Ende bleibt kein aufgezeichnetes Bild und keine abgeschlossene Komposition. Es bleibt ein Kreislauf. Ein fortwährendes Lauschen zwischen Licht und Klang, zwischen Oberfläche und Tiefe, zwischen dem, was sichtbar wird, und dem, was schon immer hörbar gewesen ist.
Anja Kellner und Hakon Hennig
